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MI | 21.03 | 16:56
Ludwig Steiner (Bild: Land NÖ/Boltz)
Ludwig Steiner
Moskauer Verhandlungen fast gescheitert
Die Moskauer Staatsvertragsverhandlungen im April 1955 wären kurz vor Abschluss fast noch gescheitert. Auf einem Notizblatt notierte der Raab-Sekretär Ludwig Steiner die Worte "Österreich wird frei!" und gab die Meldung nach Wien durch. Eine "Kurier"-Sonderausgabe erschien, die Russen waren daraufhin mehr als verstimmt.
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    Harte Verhandlungen mit den Sowjets
    Der Moskauer Kreml am 14. April 1955: Eine österreichische Regierungsdelegation ist seit zwei Tagen in Moskau und verhandelt über einen österreichischen Staatsvertrag. Die Österreicher werden zwar mit allen Ehren am Moskauer Flughafen Domodedovo empfangen, die Verhandlungen in den nächsten Tagen erweisen sich aber als äußerst hart.

    Positive Fortschritte
    Trotz aller Schwierigkeiten gelingt bis zum 14. April 1955 der Durchbruch: Die Sowjets erklären sich bereit den Staatsvertrag umgehend zu unterschreiben, die alliierten Truppen müssen das Land verlassen, Österreich wird es erlaubt die USIA-Betriebe, SMV und DDSG der Sowjetunion gegen Warenlieferungen abzukaufen, die Kriegsgefangenen und Internierten dürfen nach Österreich zurückkehren und Österreich verpflichtet sich zur freiwilligen Erklärung der immerwährenden Neutralität nach Schweizer Muster.
    Ludwig Steiners Moskauer Notizen
    Redekonzept Ludwig Steiner für Julius Raab, 14. April 1955 (Bild: BIK)
    Sondernummer des "Neuen Kurier"
    Vor den abschließenden Verhandlungen über das Memorandum stärken sich die Delegationsmitglieder bei einem Empfang im Kreml. Davor diktiert Bundeskanzler Julius Raab seinem Sekretär Ludwig Steiner die Rede für den nächsten Tag nach der Ankunft in Bad Vöslau. Steiner soll die Rede nach Wien durchgeben, Sperrfrist bis zur Ankunft am 15. April in Bad Vöslau.

    Steiner gibt, wie beauftragt, die Rede an den Generalsekretär der ÖVP weiter. In der Parteizentrale der ÖVP ist man völlig außer sich über die unglaubliche Nachricht. Die Sperrfrist ist vergessen, die Information wird an Hans Dichand und Hugo Portisch weitergegeben. Die beiden Journalisten arbeiten beim „Neuen Kurier“ und erstellen rasch eine nur eine Seite umfassende Sondernummer: „Botschaft aus Moskau: Österreich wird frei.“
    Die Sondernummer des "Neuen Kurier"
    Ausgabe des Kurier am 14. April 1955 (Bild:Land NÖ/Boltz)
    Verärgerung in Moskau
    Zeitgleich in Moskau: Inzwischen haben sich die Delegationsmitglieder gestärkt und finden sich wieder am Verhandlungstisch ein. Nun wird über das Kommunique gesprochen, ein besonders wichtiger Akt bei Verhandlungen mit den Sowjets. Kurz nach Beginn, ergreift der sowjetische Außenminister Molotov das Wort und äußerte seinen Unmut: Worüber überhaupt noch verhandelt wird, wenn in Wien schon Zeitungen mit der Nachricht vom Abschluss der Verhandlungen verkauft werden.

    Die Österreicher sind unter Erklärungsnotstand. Bundeskanzler Raab kann aber die Situation noch retten. Das Memorandum wird in der Nacht fertig formuliert, die Delegation kehrt mit einem Erfolg nach Österreich zurück. Raab kann am Flugplatz in Bad Vöslau verkünden: „Wir werden, was wir in diesen zehn Jahren erhofft und erstrebt haben, frei sein.“

    Der Autor
    Mag. Dr. Wolfram Dornik, Jahrgang 1978, Historiker. Mitarbeiter des Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgenforschung Graz-Wien-Klagenfurt. Forschungsschwerpunkte: NS-Zwangsarbeiter im Kollektiven Gedächtnis der Zweiten Republik Österreichs; Zeitgeschichte und Internet; Erinnerung, Gedächtnis und historische Identitäten; kulturwissenschaftliche Forschungen zum Internet; sowjetische Besatzungszeit in Wien; Österreich 1945-1955. Publikationen u.a.: Erinnerungskulturen im Cyberspace. Eine Bestandsaufnahme österreichischer Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust, Berlin 2004.

    Kontakt:
    Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Schörgelgasse 43, 8010 Graz, Telefon 0316/82 25 00-0.