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MI | 21.03 | 16:56
Strafgefangener (Bild: AMALTHEA-Verlag)
Lesen, Hören und Surfen
Drei Jahre Haft für drei Ohrfeigen
1947 wird der 20-jährige Herbert Killian aus Korneuburg verhaftet. Er hat einem russischen Jungen, der ihn verspottete, drei Ohrfeigen gegeben. Ein Militärgericht verurteilt ihn zu drei Jahren Arbeitslager in Nordostsibirien. Jetzt hat Herbert Killian über seinen Leidensweg ein Buch veröffentlicht. 
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    Provoziert durch lautes Kindergeschrei
    8. Juni 1947. Ein herrlicher Frühsommertag in Korneuburg. Herbert Killian, Jahrgang 1926, sitzt in der elterlichen Wohnung und lernt für seine mündliche Matura, die er in zehn Tagen ablegen soll. Er war in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und möchte im Herbst endlich mit dem Zoologiestudium beginnen.

    Aus dem Garten hört er lautes Kindergeschrei. Russische Buben aus dem Nebenhaus und österreichische Kinder raufen. Killian schimpft mit ihnen, die Buben werfen Steine nach ihm. Er läuft in den Garten, schnappt sich einen Buben, gibt ihm drei Ohrfeigen. Russische Soldaten tauchen auf und verhaften ihn...

    Herbert Killian glaubt, dass es sich nur um einen Irrtum handeln könne. Doch das Martyrium beginnt erst.
    Buchcover (Bild: AMALTHEA-Verlag)
    Verurteilt wegen Rowdytums
    Er wird drei Mal bewusstlos geschlagen, wird nach Wien überstellt, ein sowjetisches Militärgericht verurteilt ihn wegen Rowdytums zu drei Jahren Besserungsarbeitslager.

    Er ist überzeugt, dass er die Strafe in Österreich absitzen darf. Doch monatelang wird er in Viehwaggons nach Kolyma in Sibirien transportiert, eine Gegend, etwa 2.000 Kilometer nördlich von Japan, nicht weit von Alaska entfernt. Kolyma wird von den Russen heute noch als die „Hölle auf Erden“ bezeichnet, die nur wenige überlebten. Es ist der kälteste von Menschen bewohnte Fleck der Erde, mit bis zu minus 75 Grad im Winter.
    "Auch im Leid Freude gesehen"
    Herbert Killian erkrankt an Ruhr und kommt todkrank in Kolyma an. „Seine körperliche Widerstandskraft schien gebrochen, nicht jedoch seine seelische. Er lernte, auch im Leid Freude zu sehen und nicht im Selbstmitleid zu zerfließen. Der Glaube, zu dem er in dieser Zeit fand, gab ihm die nötige Kraft und den starken Überlebenswillen. Hass fand mit der Zeit keinen Platz mehr in seinem Handeln und Denken“, schreibt Stefan Karner, Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung in Graz.
    Herbert Killian Buchcover (Bild: AMALTHEA-Verlag)
    "Das Thermometer zeigt -56 Grad..."
    Aus dem Buch:

    "Das Thermometer zeigt -56 Grad, wir haben Mitte Februar. Obwohl schon neun Uhr morgens, herrscht dunkle Nacht, nur die Sterne erhellen gespenstisch die Schneelandschaft. Wir marschieren hinunter zur Kolyma, jenem Fluss, der dieser Strafkolonie den Namen gibt.

    Ein kaum spürbarer Hauch weht uns entgegen, doch die Haut schmerzt, als würde sie vom Gesicht gerissen. Nach einer halben Stunde lassen die Schmerzen nach, das Gesicht ist zu einer Maske erstarrt, zu keinem Ausdruck fähig. Die Wangen sind hohl, tiefe Furchen ziehen sich von der Nasenwurzel zu den Mundwinkeln. Jeder erscheint um zwanzig Jahre älter.

    Zu Mittag eine kurze Rastpause. Erschöpft sinke ich in den Schnee. Ohne Bewegung frisst sich die Kälte rasch durch die alte, ausgewaschene Wattekleidung. Trotz Kälte quält mich der Hunger.

    Ich hole Brot und Salzhering aus der Tasche. Beides ist beinhart gefroren und könnte nur mit einer Axt geteilt werden. Ich nehme das Brot und lege es unter dem Watterock an die Brust. Schnell verfärbt sich die Haut, wird, trotz Unterhemd, weiß und schmerzt. Ich versuche das Brot mit Speichel aufzuweichen, aber die Lippen bleiben daran hängen. Nur unter Schmerzen kann ich sie wieder lösen. Kein Wunder, denn jede Spucke fällt als Eisklumpen in den Schnee. Schließlich gelingt es mir, mit den Zähnen einige Brösel abzuschaben. Reiner Zeitvertreib, denn der Hunger bleibt."
    Sechs Jahre in Sibirien
    Es ist unglaublich, unter welchen Umständen Herbert Killian in Kolyma gelebt hat. 1950 hat er seine Strafe verbüßt, doch er muss drei weitere Jahre in Kolyma bleiben, denn er hat keine Papiere und kein Geld für die Heimreise... Erst nach dem Tod Stalins wird ihm die Rückkehr nach Österreich erlaubt.

    Herbert Killian studiert später an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, habilitiert sich dort 1989 und wird 1995 a.o. Universitätsprofessor (Schwerpunkt: Geschichte der Forstwissenschaft und –wirtschaft). Er veröffentlicht 188 wissenschaftliche Publikationen, davon 22 Bücher und ist Mitarbeiter des Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung.

    Das Buch
    Herbert Killian: Geraubte Jahre. Ein Österreicher verschleppt in den GULAG. Amalthea Signum Verlag, Wien 2005. 320 Seiten, 32 s-w-Fotos.
    € 19,90