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MI | 11.04.2012
Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in Prag, 1968 (Bild: EPA/-/vn/mas/jl)
Zeitgeschichte
Panzer beenden den "Prager Frühling"
Am 21. August 1968 wurde der „Prager Frühling" brutal beendet. Das Aus für das Experiment eines „Kommunismus mit menschlichem Antlitz“ in der Tschechoslowakei hatte auch zahlreiche Auswirkungen auf Niederösterreich.
Das Bundesheer leitete schon im Frühjahr 1968 entsprechende Maßnahmen gegen eine eventuelle Bedrohung ein.
Überraschung auf österreichischer Seite
Mit Militärgewalt sollte der „Prager Frühling“ erstickt werden und endgültig die Versuche unterbunden werden, ein totalitäres System zu reformieren. es war die größte Militäraktion in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

„Die militärische Intervention der Sowjetregierung in der Tschechoslowakei kam für uns ebenso wie für die übrige Welt überraschend“, erklärte Österreichs Außenminister Kurt Waldheim in einer Rede vor dem Ministerrat am 10. September 1968.

Die militärische Führung des österreichischen Bundesheeres hatte angesichts der bedrohlichen politischen Lage in der CSSR jedoch schon im Frühjahr des Jahres 1968 entsprechende Maßnahmen eingeleitet, um einer eventuellen Bedrohung entsprechend entgegentreten zu können.
Warschauer Pakt-Panzer in Prag, 21. August 1968 (Bild: DPA/Stf/MAS/jl)
21. August 1968: Einwohner von Prag werfen Steine auf die Panzer der Warschauer-Pakt-Truppen.
"Mit dem Übertreten bewaffneter tschechischer Soldaten wird gerechnet“ (aus "Urgestein" vom 24. Juli 1968)
Deckname "Urgestein"
Die österreichischen Politiker rechneten zwar nicht mit einem militärischen Vorgehen der Warschauer Pakt-Truppen gegen die CSSR.

Dennoch fand am 23. Juli 1968 eine Besprechung zwischen Vertretern des Innen- und des Verteidigungsministeriums statt, um für den Fall eines bewaffneten Konflikts die notwendigen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Sicherheit in Österreich zu beraten und zu koordinieren.

Das Besprechungsergebnis erhielt einen Tag später als Befehl den Decknamen „Urgestein“ und beinhaltete jene Maßnahmen für das Bundesheer, die im Falle eines Einmarsches von Warschauer Pakt-Truppen in die CSSR zur Sicherung der Grenze zu treffen sind: „Die Möglichkeit eines Eingreifens von Streitkräften des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei kann weiterhin nicht ausgeschlossen werden“, außerdem wurde mit dem „Übertreten bewaffneter tschechischer Soldaten gerechnet.“
"Der Einsatz des Bundesheeres deckte Schwächen im Entscheidungsprozess der politischen Führung Österreichs auf", kritisiert der Historiker Reiner Eger.
Einsatzplan funktionierte nur teilweise
Doch als in der Nacht auf den 21. August 1968 die Beamten im Innenministerium auf Grund der einlaufenden Meldungen feststellten, dass die Truppenbewegungen im Nachbarland kein Manöver waren, sondern die militärische Besetzung der CSSR, funktionierte der vereinbarte Einsatzplan nur teilweise.

Die zur Sicherung der Grenze und Grenzübergänge geplanten Maßnahmen des Innenministeriums wurden reibungslos durchgeführt; außerdem wurde bis zu Mittag des 21. August die Exekutive an den vorgesehenen Einsatzpunkten mit 930 Gendarmeriebeamten verstärkt.

Der Einsatz des Bundesheeres „deckte Schwächen im Entscheidungsprozess der politischen Führung Österreichs auf, neben organisatorischen Mängeln verzögerten vor allem Meinungsverschiedenheiten in der Lagebeurteilung und Kompetenzstreitigkeiten den seit 8.00 Uhr möglichen Abmarsch des Bundesheeres um über acht Stunden“, kritisiert der Historiker Reiner Eger die damalige Bundesregierung.
Der "Prager Frühling" am 21. August/ORF 2
20.15 Uhr: "Prager Frühling"
Die Regisseure Manfred Christ und Michael Kreihsl rekonstruieren in Menschen & Mächte spezial das dramatische Geschehen 40 Jahre nach dem gewaltsamen Ende des "Prager Frühlings" im August 1968.

22.25 Uhr: "Runder Tisch: Das Ende des Prager Frühlings vor 40 Jahren". Teilnehmer: Hans-Dietrich Genscher, Gerd Bacher, Jiri Grusa, Stefan Karner und Paul Lendvai.

23.10 Uhr: Der Bockerer IV - Prager Frühling
Der widerspenstige Wiener Fleischermeister Karl Bockerer - Karl Merkatz in einer seiner Paraderollen - gerät mitten in die Wirren des Prager Frühlings 1968 und kämpft in der ehemaligen Tschechoslowakei um Gerechtigkeit.
Bundeskanzler Josef Klaus sagte, dass „uns das Schicksal anderer Länder und Völker“ nicht gleichgültig wäre.
Klaus: "Mitgefühl mit den Menschen"
Bundeskanzler Josef Klaus verwies in einer Erklärung, die der ORF um 7.00 Uhr gesendet hatte, auf die konsequente Neutralitäts- und Unabhängigkeitspolitik Österreichs, womit man sich „das Vertrauen aller vier Signatarmächte des Staatsvertrags, aber auch (…) seiner Nachbarländer erworben“ hätte. Der Bundeskanzler sagte aber auch, dass „uns das Schicksal anderer Länder und Völker“ nicht gleichgültig wäre.

„Mit diesen Worten traf Klaus den Nagel auf den Kopf“, erklärt Peter Ruggenthaler, Historiker am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, denn er habe im Interesse des Landes zu sorgen, dass sich „die Krise nicht durch falsche Signale und Töne an Moskau über die eigenen Grenzen ausdehnen könnte.“ Zugleich brachte Klaus aber auch das Mitgefühl gegenüber der tschechoslowakischen Bevölkerung zum Ausdruck, auch wenn er den Einmarsch selbst nicht verurteilte.
Demonstration auf dem Prager Wenzelsplatz, 21. August 1968 (Bild: FILES/-/vn/mas/jl)
21. August 1968: Demonstration auf dem Prager Wenzelsplatz.
„Die Bundesregierung war informiert, dass die Sowjets nicht nach Österreich einmarschieren werden", weiß Historiker Stefan Karner.
Karner: "Nicht mit Moskau verscherzen!"
Stefan Karner, Leiter des Ludwig Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgen-Forschung und Wissenschaftlicher Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 („Österreich – Tschechien“ in Horn, Raabs und Telc):

„Die Bundesregierung war aus Geheimdienstquellen darüber informiert, dass die Sowjets nicht nach Österreich einmarschieren werden. Deshalb wurde auch das Bundesheer nicht in voller Stärke aufgeboten und machte einige Kilometer vor der Grenze Halt! Man wollte es sich – 13 Jahre nach dem Abzug der Sowjets aus Österreich – mit Moskau nicht verscherzen.“
Ein Teil der Landesregierung sollte in Wien bleiben, der andere sollte nach West-Österreich gehen.
Landesregierung sollte sich absetzen
Nicht einmal zwei Jahre war Andreas Maurer Landeshauptmann von Niederösterreich, als es zu den dramatischen Augusttagen 1968 kam. Die Situation spitzte sich zu: Ein Teil der NÖ Landesregierung sollte am Sitz der Regierung in Wien bleiben, ein Teil sollte sich in den Westen absetzen – „für den Fall, dass die Sowjets auch in Österreich einmarschieren, was ja damals das Hauptthema der Diskussionen war“, erinnert sich Maurer.

„Obwohl Österreich neutral war, war es für uns nicht so sicher, dass kein Einmarsch erfolgt. Und dann stellte sich natürlich auch die Frage nach einer möglichen Gegenwehr – soll dem österreichischen Bundesheer ein Schießbefehl erteilt werden oder nicht?“
Maurer: "Ich war für den Schießbefehl"
In einem Interview mit dem ORF NÖ erklärte der Alt-Landeshauptmann seine Position: „Ich war für einen Schießbefehl, so hart diese Entscheidung auch gewesen wäre. Denn die Frage war klar: Wer soll uns helfen, wenn wir uns selbst nicht helfen? Wie oft mussten wir uns den Vorwurf gefallen lassen, dass 1938 beim Einmarsch der Nazis in Österreich kein einziger Schuss gefallen ist? Und jetzt sollte sich das vielleicht wiederholen? Zum Glück hat sich aber alles beruhigt, aber es war damals im Sommer 1968 die kritischste Zeit für Österreich seit dem Ende des Kriegs.“
Diese schicksalshaften Monate des Jahres 1968 werden auch ein zentrales Thema bei der NÖ Landesausstellung 2009 sein.
Prägend für die Menschen in der Grenzregion
Stefan Karner versucht eine Bilanz über die Auswirkungen für die Menschen zu ziehen: „Die Vorgänge im Jahr 1968 waren prägend für die Bewohner auf beiden Seiten der Grenze. In der CSSR brachten sie zuerst einen Hauch von Freiheit, unmittelbar gefolgt von der Niederschlagung im August 1968. Der Eiserne Vorhang hob sich erst wieder 1989. Die Angst vor einem sowjetischen Einmarsch gab es auch in Österreich. Zehntausende Tschechen und Slowaken fanden bei uns Aufnahme. Viele wussten damals nicht, wie es weitergehen würde!“

Für den Historiker sind diese schicksalshaften Monate des Jahres 1968 auch ein zentrales Thema bei der NÖ Landesausstellung, die 2009 erstmals in zwei Ländern gezeigt wird – „Österreich – Tschechien. Im Herzen Europas“: „In der Landesausstellung 2009 sollen die Ereignisse, Erwartungen und Schicksale der Menschen daher auch aus beiderlei Sichtweisen dargestellt werden.“
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